Deutsche Stielgranaten (nicht Stielhandgranaten...)

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tom
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Deutsche Stielgranaten (nicht Stielhandgranaten...)

Beitrag von tom » Di 8. Jan 2019, 06:30

Moin.

Deutsche Stielgranaten

Stielgranaten waren Überkalibergranaten zur Leistungssteigerung. Ihren Namen haben sie von dem Stiel, mit dem sie von vorne in das Rohr der jeweiligen Waffe eingeführt wurden. Der Abschuss erfolgte mittels einer Kartusche ohne Granate. Die meisten Stielgranaten arbeiteten nach dem Hohlladungsprinzip. Die Wehrmacht führte im Laufe des 2. Weltkrieges mehrere Stielgranaten ein, zumeist für kleinkalibrige Panzerabwehrwaffen, deren Leistung nicht mehr ausreichte. Alle hatte nur eine kurze, effektive Schussweite, da die Führung durch das Rohr nur kurz nach dem Abschuss wirkte und damit die Ungenauigkeit auf mittlere und große Entfernungen einen Treffer unwahrscheinlich machte. Zudem dauerte das Nachladen deutlich länger, wodurch der Feuerkampf deutlich gefährlicher wurde. Trotzdem wurden die Stielgranaten bei einigen der Waffen eingeführt, da die jeweiligen Waffen sonst zumeist wegen Wirkungslosigkeit hätten ausgemustert werden müssen.


2 cm Stielgranate für die 2 cm Panzerbüchse S-18

Während der dreißiger Jahre hatte die Wehrmacht mehrere hundert Panzerbüchsen in unterschiedlichen Ausführungen von der Firma Solothurn erworben. Weitere dieser Waffen wurden beim Anschluss Österreichs sowie in den Niederlanden und Italien übernommen bzw. erbeutet.

Aufgrund der Wirkungslosigkeit der Waffe in der Panzerabwehr wurden ab 1942 spezielle Stielgranaten geschaffen. Vorgabe war ein Durchschlag von 120 mm bei 60° Neigung der Panzerplatten Die Granate bestand aus einem hohlen Stiel, dem Gefechtskopf mit Bodenzünder und dem Leitwerksrohr mit Löchern zum Entweichen der Abschussgase direkt nach dem Abschuss und vier Stabilisierungsflügeln. Die Gesamtlänge betrug 550 mm, die Breite an den Flügeln 100 mm und die Breite des Gefechtskopfs 78 mm.

Über eine offizielle Einführung ist nichts bekannt.


2,5 cm Stielgranate für die 2,5 cm Pak 113(f)

Für die in Frankreich erbeuteten 2,5 cm Pak wurden 1942 ebenfalls Stielgranaten entwickelt, sogar mit Führerforderung, der eine absolute Dringlichkeit zur Folge hatte. Bis zum Sommer 1942 konnte jedoch keine der Granaten schussfertig gemacht werden. Weitere Daten liegen nicht vor.


3,7 cm Stielgranate 41 für die 3,7 cm Pak

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Nach den ersten Erfahrungen mit der 3,7 cm Pak an der Ostfront wurde noch 1941 die Entwicklung einer speziellen, flügelstabilisierten Hohlladungs-Stielgranate beschlossen. Nach einigen Wochen Entwicklungszeit entstand eine Granate bestehend aus dem Gefechtskopf mit 2,42 kg Sprengstoff (60% Hexogen, 40% FP02 (TNT), einem hohlem Metallstiel und dem Leitwerksrohr mit sechs Stabilisierungsflossen. Neben der Gefechtsgranate gab es auch eine ungeladene Übungsgranate, die auch als Exerziergranate verwendet werden konnte.
Gezündet wurde die Granate mit einem Aufschlagzünder Typ AZ5075 mittig auf der Haube des Gefechtskopfs und einem Bodenzünder Typ 5130. Der Aufschlagzünder war mit einer Blechkappe versehen, um vorzeitiges Zünden bei Auftreffen auf weicherem Material, z. B. Tarnnetzen oder Zweigen, zu verhindern. Beim Feuern gegen weiche Ziele und gegen ungetarnte Panzer sollte die Kappe abgenommen werden. Der Bodenzünder führte zur Detonation, wenn der Aufschlagzünder nicht angesprochen haben sollte. Nach dem Abschuss war der Bodenzünder sofort, der Aufschlagzünder nach 4 m Flug scharf. Der Abschuss erfolgte durch die Pulvergase einer Hülsenkartusche mit 218 g Diglykol-Röhrenpulver. An Stelle einer Granate saß oben auf dieser eine Verdämmungsscheibe aus Kork.

Im Einsatz wurde zunächst die Granate aus dem röhrenförmigen Transportbehälter entnommen. Dann wurde sie mit dem Stiel von vorn in das Rohr der Pak eingeführt. Schließlich wurde die Kartusche geladen. Die Verwendung von normaler Munition war verboten. Der Ladekanonier durfte beim Abschuss nicht vor dem Rohr bleiben, da durch den Mündungsdruck schwere innere Verletzungen möglich waren.

Gegnerische Ziele durften nur aus der Nähe beschossen werden. Fahrende Panzer sollten auf maximal 130 m, stehende Ziele aus maximal 250 m Entfernung bekämpft werden. In Ausnahmefällen war Beschuss gegen weiche Ziele auf bis zu 700 m zulässig (maximale Schussreichweite). Bei dieser Entfernung betrug die fünfzigprozentige Abweichung in der Länge 10 m und in der Breite 3,5 m. Die Genauigkeit nahm mit steigender Schussweite immer mehr ab.

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Die Serienfertigung der Granaten begann im Februar 1942. Für die Erstausstattung der Einheiten waren zunächst 200.000 bestellt worden. Dies erschien jedoch nach genauer Bestandsaufnahme bis Mitte Juni 1942 als zu hoch. Ende Juni 1942 wurde daher beschlossen, die monatlichen Fertigungszahlen wieder abzusenken. Zudem dachte man darüber nach, die 3,7 cm Pak wieder in Produktion zu nehmen, was trotz der hohen Beweglichkeit des Geschützes aufgrund der kritischen Einsatzbedingungen der Stielgranaten als sehr gewagt einzuschätzen ist. Außerdem scheint die Wirksamkeit gegen die neuste Generation Feindpanzer nicht mehr ausreichend gewesen zu sein, da ab Oktober 1942 die Fertigungsvorgaben weiter reduziert und die Fertigung im Januar 1943 ganz eingestellt wurde. Zudem scheint die Munition bei der Truppe nicht allzu beliebt gewesen zu sein, da zunächst monatlich auf allen Gefechtsfeldern zusammen weniger als 1000 Stück verbraucht wurden. Auch während der schweren Abwehrkämpfe in Russland im Winter 1942/43 wurden maximal 7000 Stück im Monat verbraucht. Dies umfasst auch Geschosse, die bei Rückzugsbewegungen verloren gegangen sind. Panzerabschüsse durch Stielgranaten wurden nicht gesondert erfasst, so dass über den Erfolg der Waffe keine Aussage getroffen werden kann.


3,7 cm Stielgranate 42 (t)

Für die i größeren Stückzahlen übernommene 3,7 cm Pak 37 (t) wurde ebenfalls eine Stielgranate geschaffen. In Aufbau und Funktion entsprach sie der der Stielgranate 41. Sie unterschied sich nur durch die Verwendung von wenigen, dafür größeren Löcher im Leitwerksrohr und der Aufschrift „3,7 cm Stielgranate 42 (t)“ auf zwei gegenüberliegenden Leitwerken.

Die Fertigung der Granaten begann im Jul 1942 und wurde im Juli 1943 eingestellt. Auch hier dürfte sich der Erfolg der Waffe im Feld in Grenzen gehalten haben.


3,7 cm Stielgranate (Flak)

Auch für die 3,7 cm Flak wurde eine Version der Stielgranate 41 geschaffen. Auch sie entsprach in Aufbau und Funktion dem Ausgangsmodell. Im Einsatz musste jedoch zunächst die Mündungsbremse des Geschützes abgeschraubt werden. Zudem musste die Hülsenkartusche einzeln geladen werden, da sich die Munitionsrahmen dafür nicht eigneten. Das Ganze scheint bei einem Versuch geblieben zu sein. Von einer offiziellen Einführung oder Verwendung ist nichts bekannt.


3,7 cm Stielgranate 41 (rm)

Für die in Polen und Dänemark erbeuteten 3, 7 cm Pak von Bofors, die an die rumänischen Verbündeten geliefert wurden, sollte zunächst die 3,7 cm Stielgranate 42 (t) verwendet werden. Jedoch schien diese Probleme zu bereiten, denn es wurde eine eigene Version der Stielgranate geschaffen. Details sind nicht bekannt.


4,7 cm Stielgranate 42 (f)

Auch die Leistung der in Frankreich erbeuteten 4,7 cm Pak 181 (f)erschien Anfang 1942 nicht mehr ausreichend. Daher wurde auch für diese Waffe eine Stielgranate entwickelt, ebenfalls im Rahmen einer Führerforderung. Die Granate war ähnlich aufgebaut wie die Stielgranate 41. Der Außendurchmesser des Gefechtskopfes betrug 15,9 cm. Das Gesamtgewicht lag bei 11,5 kg. Mit einer Mündungsgeschwindigkeit von 125 m/s sollten Panzer auf maximal 200 m mit einer Durchschlagsleistung von 200 mm bekämpft werden können. 500 Versuchsgranaten wurden Ende Juni 1942 ausgeliefert. Die Serienfertigung begann im Mitte Juli 1942. Ab August sollten monatlich 4000 Stück gefertigt werden. Weitere Daten sind nicht bekannt.


4,7 cm Stielgranate (t)

Auch für die 4,7 cm Pak 36 (t) wurde eine Stielgranate geschaffen. Sie entsprach in Aufbau und Funktion der 4,7 cm Stielgranate 42 (f). Bis Mitte August 1942 war jedoch die Entwicklung noch nicht abgeschlossen. Weitere Daten liegen nicht vor.


4,7 cm Stielgranate 41 (i)

Für die 4,7 cm Pak 47/32 M35 von Breda , die nach der Kapitulation Italiens als 4,7 cm Pak 177 (i) übernommen wurde, ist eine Stielgranate entwickelt worden. Sie entsprach in Aufbau und Funktion der 4,7 cm Stielgranate 42 (f). Die Entwicklung scheint auf Bitte Italiens erfolgt zu sein, da zu Entwicklungsbeginn 1941 noch keine dieser Waffen in der Wehrmacht eingesetzt wurde. Anfang 1943 verhandelte Italien über die Rechte für einen Nachbau der Granate. Weitere Daten liegen nicht vor.


4,7 cm Stielgranate 41 (rm)

Auch für die 4,7 cm Pak von Böhler wurde eine Stielgranate geschaffen. 175 dieser Waffen waren nach der Annektion Österreichs übernommen worden. Weitere Kanonen wurden in Holland und Russland erbeutet. Die vorhandenen Geschütze wurden 1941 an Rumänien abgegeben. Aufbau und Funktion der Granaten entsprach der der 4,7 cm Stielgranate 42 (f). Die Entwicklung verzögerte sich etwas, so dass die ersten Granaten erst Ende September 1942 ausgeliefert werden konnten. Weitere Daten liegen nicht vor.


5 cm Stielgranate

1942 war auch absehbar, dass die 5 cm Pak 38 bald nicht mehr ausreichen wirksam gegen die neuen Feindpanzer war. Daher wurde auch für sie eine Steilgranate geschaffen. Der Grundaufbau entsprach dem der 4,7 cm Granaten, jedoch war das Leitwerksrohr nicht mehr am hinteren Ende des Gefechtskopfs angebracht, sondern in der Mitte. Die erreichbare Mündungsgeschwindigkeit lag bei 175 m/s, wodurch Panzer bis auf 350 m Entfernung beschossen werden konnten. Im Falle eines Erfolges der Granate im Einsatz wurde die Forderung aufgestellt, die bei der Umrüstung der Panzer III auf die 5 cm L/60 Rohre freiwerdenden L/42 Rohre für einen Einbau in die 3,7 cm Pak umzurüsten. Dies zeigt, dass man nicht wirklich an einen Erfolg der 3,7 cm Stielgranate 41 glaubte. Die Serienfertigung begann im Sommer 1942. Bis September wurden 157.000 Granaten gefertigt. Danach lag die Produktion bei etwas über 10.000 Stück monatlich. Im April 1943 wurde dann die Produktion auf 30.000 Stück hochgefahren. Die letzten 97.000 Geschosse wurden im Januar 1944 in Einzelteilen gefertigt und später zusammengesetzt. Weitere Daten liegen nicht vor.


15 cm Stielgranate 42

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Diese Granate wurde 1942 in zwei Versionen für das schwere Infanteriegeschütz 33 entwickelt. Neben einem Sprenggeschoss gab es ein Hohlladungsgeschoss für den Einsatz gegen schwere Bunker. Die Granaten hatten neben dem hohlen Metallstiel und dem massiven Gefechtskopf drei Stabilisierungsflossen, die an Stahlstangen montiert waren, die an den unteren Teil des Gefechtskopfs geschweißt wurden. Der Transport erfolgte zerlegt. Beim Einsatz wurde dann der Stiel ins Rohr eingeführt, dann der Gefechtskopf angebracht und schließlich die Stabilisierungsflossen so eingehängt, dass eine nach oben zeigte und die anderen rechts und links der Wiege waren. Als Zünder kam der Wurfgranatenzünder 36 zu Einsatz, der mit oder ohne Verzögerung funktionierte.

Beide Geschosse wogen 100 kg. Davon entfielen 55 kg (Spreng) bzw. 49,5 kg (Hohlladung) auf die eigentlichen Sprengladungen. Die Mündungsgeschwindigkeit lag bei 105 m/s, womit mit der Sprenggranate 1000 m Reichweite erreicht wurden. Während sich die Hohlladungsgranate bei Tests nicht bewährt hat, wurde die Sprenggranate im Somme 1942 offiziell eingeführt. Die Fertigung begann im November 1942. Zunächst sollten monatlich 2000 Granaten gefertigt werden. Im Februar wurden dann 9000 Stück monatlich gefordert, was im November 1943 auf 5000 Stück reduziert wurde. Ab Juli 1944 wurden nur noch 1000 Stück monatlich gefordert. Im November des Jahres erfolgte schließlich die Einstellung der Produktion.

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Der Einsatz der Granaten war schon aufgrund des Gewichts problematisch. So mussten mehrere Soldaten das Geschoss an die Mündung heben, die dazu in die Waagerechte gebracht wurde. Beim Einrichten der Höhe musste das Rohr durch zwei Soldaten zusätzlich nach oben gedrückt werden, um den Höhenrichtmechanismus zu entlasten. Hinzu kamen dann noch die kurze Reichweite und ein nötiges freies Schussfeld mit einem Sicherheitsabstand zu anderen Truppen von 150 m. Auf der anderen Seite stand damit ein Geschoss zur Verfügung, dass die siebenfache Menge des Sprengstoffes der normalen Sprenggranate ins Ziel brachte. Der für Menschen tödliche Radius lag bei 10 m um die Einschlagstelle. Drahthindernisse wurden im Radius von 5 m beseitigt, Minenfelder auf 10 m. Beim Schießen ohne Verzögerung wurde eine höhere Splitterwirkung, beim Schießen mit Verzögerung eine höhere Sprengwirkung erzielt.


Quellen:
Waffen Revue 15, Publizistische Archiv für Militär- und Waffenwesen, Dezember 1974
Waffen Revue 111, Journal-Verlag Schwend, September 1998


Gruß

tom ;)

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