Deutsche Eisenbahnartillerie im 1. Weltkrieg

Informationen über die verschiedenen Waffen, Waffengattungen und Munition im 1.Weltkrieg.
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tom
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Moin.

Deutsche Eisenbahnartillerie im 1. Weltkrieg

Wie viele andere Nationen auch hat das Deutsche Reich im ersten Weltkrieg verschiedene Eisenbahngeschütze zum Einsatz gebracht. Dabei handelte es sich um Schiffsgeschütze, die auf spezielle Eisenbahnbettungen gesetzt wurden. Je größer die Geschütze waren, desto massiver waren die benötigten Bettungen. Dies und die Rückstoßkräfte machten teils intensive Vorbereitungen des Gleisbettes und des Untergrunds nötig. Ein kurzfristiger Einsatz oder schnelle Verlegung waren damit nahezu ausgeschlossen. Insgesamt haben sich die Eisenbahngeschütze als überschwere Unterstützungswaffen bei der Bekämpfung verbunkerter Ziele bewährt. Aber auch sie konnten keine entscheidende Wendung des Krieges bringen.

a) 15 cm SK L/45 in Mittelpivot-Lafette „Nathan“
NathanGeschütz.jpg
NathanGeschütz.jpg (186.78 KiB) 2423 mal betrachtet
Ab dem Jahr 1916 wurden bei der Firma Krupp in Essen mehrere 15 cm Geschütze der Versionen C/13 (Mittelartillerie der Schlachtschiffe und Schlachtkreuzer) und C/16 (Geschütze der leichten Kreuzer) mit einer Pivot-Lafette auf Eisenbahn-Flachwagen gesetzt. Diese hatten vier Achsen in zwei Drehgestellen an den Enden. Die Geschütze waren drehbar, konnten also auch zu den Seiten feuern. Die dabei auftretenden Kräfte wurden lediglich durch je zwei Ketten an den Seiten der Waggons abgefangen, so dass die Erschütterungen beim Abschuss insbesondere bei seitlichem Feuern groß waren. Ohne die Ketten war der Feuerbereich auf +-25° in Fahrtrichtung begrenzt mit diesen lag er bei +- 90°. Feuer nach hinten war nicht möglich.
Die Geschütze selbst hatten einen Schusswinkel von 0 - 45°. Vorn und an den Seiten schützten Panzerplatten die Bedienmannschaft. Auf eine Deckenpanzerung wurde verzichtet. Mit einem Gesamtgewicht von 55,5 t gehörten die Eisenbahngeschütze zu den leichteren Vertretern ihrer Art. Der Einsatz erfolgte ab 1918 zumeist im Küstenschutz in Flandern und an der Nordsee.

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15 cm SK L/45 C/16 auf der SMS Frankfurt

Daten des Geschützes:

Kaliber 149,1 mm
Gesamtlänge 6710 mm
Rohrlänge: 6326 mm
Länge gezogener Teil: 5095 mm
Anzahl der Züge: 48
Drallrichtung: rechts
Kammervolumen: 21,7 dm³
Verschluss: horizontaler Keil
Höhenrichtbereich: 0 – 45 °
Seitenrichtbereich: +- 25 ° in Fahrtrichtung, mit Laschung +- 90 °
Lebensdauer Rohr: 1400 Schuss
Munitionsart: Geschoss und Treibladungskartusche getrennt
Geschossgewicht: 45,3 kg (Panzerbrechend und Spreng)
Treibladungsgewicht: 13,2 kg
Gesamtgewicht Kartusche: 22,8 kg
Mündungsgeschwindigkeit: 835 m/s
Arbeitsdruck: 3150 kg/cm²
Reichweite: 18,4 km bei 45° Schusswinkel
Schussrate: 5 – 7 je Minute

b) 17 cm SK L/40 i.R.L. auf Eisenbahnwagen "Samuel"

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1916 wurden die veralteten Vor-Dreadnoughts der Braunschweig- und Deutschland-Klasse aus dem aktiven Dienst genommen und zu Ausbildungsschiffen umgebaut. Dabei fielen auch mehrere 17cm SK L/40 Geschütze der Mittelartillerie weg. Nach deren Ausbau wurden 30 davon an die Armee übergeben. Diese montierte sie in schwere Räderlafetten, die zur Aufnahme der Rückstoßkräfte nötig waren. Zudem war eine Bettung notwendig. Dies alles machte die Kanone schwer und unbeweglich. Selbst in drei Lasten zerlegt konnte das Geschütz selbst nur unter guten äußeren Bedingungen im Pferdezug bewegt werden.

Daher wurde 1917 beschlossen, zumindest einen Teil der Kanonen mit ihren Lafetten auf Eisenbahn-Flachwagen zu setzen. Durch eine spezielle Bettung am hinteren Ende der Lafette konnte die Waffe um +- 13 ° in Fahrtrichtung seitlich gedreht werden. Die grobe Seitenrichtung erfolgte durch die Verwendung von Gleiskurven als Feuerstellungen. Zudem konnte das Geschütz mittels eines mitgeführten Kranes abgeladen und auf die ebenfalls mitgeführte Standard-Bettung gesetzt werden. Der Rückstoß wurde von einem Federsystem unter der Lafette gedämpft auf den Eisenbahnwaggon übertragen. Um ein Zurückrollen zu verhindern, wurden in Feuerstellung Stahlkeile unter die Räder des hinteren Drehgestells gelegt.

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Verschossen wurde zweiteilige Munition mit getrennten Geschossen und Treibladungskartuschen. Das Gewicht der Granate machte zwei Mann zum Laden nötig, die die 64 kg schweren, 51 cm langen Granaten mit einem Tragegestell bewegten. Die Treibladung wog 23,5 kg, aufgeteilt auf Vor- und Hauptladung. Hinzu kam noch das Gewicht der Kartusche der Hauptladung. Dadurch dauerte der Ladevorgang relativ lang, die praktische Feuergeschwindigkeit lag bei 1 Schuss je Minute. Bei einer Rohrerhöhung von 45° konnte eine Reichweite von 24 km erreicht werden.

Bei Kriegsende wurden 26 intakte 17 cm Geschütze übergeben, davon 16 auf Eisenbahnwaggons. 12 davon übernahm die belgische Armee, die sie teilweise noch 1940 gegen die vorrückende Wehrmacht einsetzte.

Daten :

Kaliber: 172,6 mm
Länge des Waggons: 16,75m
Gesamtgewicht: 61,5 t
Gesamtlänge der Kanone ohne Lafette: 6930 mm
Rohrlänge: 6411 mm
Drallrichtung: rechts
Verschluss: horizontaler Keil
Höhenrichtbereich: 0 – 45 °
Seitenrichtbereich: +- 13 ° in Fahrtrichtung
Munitionsart: Geschoss und Treibladungskartusche getrennt
Geschossgewicht: 64 kg (nur Spreng)
Treibladungsgewicht: 23,5 kg
Mündungsgeschwindigkeit: 850 m/s
Reichweite: 24 km bei 45° Schusswinkel
Schussrate: 1 je Minute


c) 21 cm SK "Peter Adalbert"

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Bis Ende 1915 verlor die Marine mehrere Panzerkreuzer, die mit 21 cm Geschützen als Hauptbewaffnung ausgestattet waren. Dadurch waren deren Ersatzgeschütze, die für einen schnellen Einbau bei ausgeleierten Rohren bereitlagen, überflüssig geworden. Dazu zählten die 21 cm L/45 SK C/06 der SMS Blücher und die 21 cm L/40 SK C/01 der SMS Yorck und der Prinz Abalbert-Klasse. Von diesen Geschützen wurden mindestens 11 an die Armee übergeben. Beide Typen verwendeten die gleichen Lafetten und konnten daher in gleichen Bettungen verwendet werden. Durch das Hohe Gewicht und die nötige, massive Bettung waren Auf- und Abbau langwierig. Daher wurde 1917 beschlossen, die Geschütze nach und nach zu Eisenbahngeschützen umzubauen. Dies gelang aber aus Materialmangel nur bei 5 von ihnen. Vier weitere Geschütze L/40 wurden bis nach dem 2. Weltkrieg bei Swinemünde als Küstenbatterie verwendet.

Die Geschütze wurden auf Plattformwagen mit zwei vierachsigen Drehgestellen befestigt. Im Einsatz konnte direkt von einer Schießkurve aus gefeuert werden, allerdings mit sehr begrenztem Seitenrichtbereich. Dazu wurden Keile unter die hinteren Räder der Drehgestelle gelegt und ein mittig unter der Drehachse der Kanone angebrachter Hydraulikstempel ausgefahren. Zudem wurde unter dem hinteren Teil der Plattform auf den Schienen zwei zusätzliche Räder montiert. Es konnte aber auch ein Bettungsschießgerüst verwendet werden, dessen Teile auf sieben weiteren Waggons mitgeführt wurden. Der Aufbau dauerte je nach Witterung 3 - 5 Tage. Dann wurde das Geschütz zunächst in auf dem Schießgerüst in Position gefahren. Dann wurde der ganze Waggon angehoben und die Schienen in der Mitte und am Ende entfernt. Nach dem Absenken konnte das hintere Drehgestell auf dem Seitenrichtmechanismus befestigt werden. Die eigentliche Seitenrichtung erfolgte über eine Schiene am Schießgerüst, auf der zwei am hinteren Ende des hinteren Drehgestells quer montierte, massive Räder liefen. Das Vordere Drehgestell verblieb auf den ursprünglichen Schienen.

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Das Geschütz konnte nur in der Waagerechten geladen werden, da die schweren Munitionsbestandteile über einen Wagen am hinteren Ende an den Verschluss herangefahren wurden. Die Munition bestand aus Geschoss, Vorladung in einem Seidensack und Hauptladung in einer Messingkartusche. Diese wurden nacheinander in die Kammer geschoben. Zugeführt wurde die Munition aus Munitionswagen, die hinter dem Geschützwagen gefahren wurden. Die Feuergeschwindigkeit war dadurch gering.

Der Einsatz erfolgte ab 1917 vor Verdun und bei den Offensiven im Jahr 1918. Lediglich ein Geschütz auf Eisenbahnlafette überlebte den Krieg als amerikanische Beute.

Daten (L/45/L/40):

Kaliber: 209,3 mm
Gesamtlänge des Waggons: 15,85 m
Gewicht der Waffe mit Schießgerüst: 104,66 t/ 110,44 t
Gesamtlänge der Kanone: 9420 mm/ 8400 mm
Rohrlänge: 8826 mm / 7811 mm
Länge gezogener Teil: 5095 mm / unbekannt
Gewicht der Kanone: 16400 kg/ 20020 kg
Anzahl der Züge: 60, 2 mm tief, 6,76 mm breit
Drallrichtung: rechts
Kammervolumen: 49,7 dm³
Verschluss: horizontaler Keil
Höhenrichtbereich: 0 – 45 °
Seitenrichtbereich: +- 1,075 ° in Fahrtrichtung, auf Schießgerüst +- 42,5 ° bis +- 90°(je nach Ausbaugrad)
Munitionsart: Geschoss und Treibladungen getrennt
Geschossgewicht: 108 kg (Panzerbrechend und Spreng)
Treibladungsgewicht: 35,1 kg/29,8 kg
Mündungsgeschwindigkeit: 900 m/s/ 780 m/s
Arbeitsdruck: 3175 kg/cm²
Reichweite: 19,1 km/ 16,3 km bei 30° Schusswinkel


d) 24 cm SK L/30 "Theodor Otto"

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Nach der Ausmusterung des alten Panzerschiffes SMS Oldenburg waren vier der 24 cm SK L/30 Kanonen ebenfalls an die Armee übergeben worden. Diese baute sie ab 1917 in die Lafetten der 24 cm SK L/40 ein (siehe e)). Um den Prozess zu beschleunigen, wurde auf ein komplexes, federhydraulisches Ausgleichssystem für das hohe Gewicht des Verschlusses und der Kammer verzichtet. Stattdessen wurde ein Gegengewichtauf einer Plattform über dem Rohr platziert. Der Einsatz erfolgte wie bei den 21 cm Eisenbahngeschützen entweder von einer Schießkurve oder einem Schießgerüst aus. Letzteres bestand allerdings statt aus einer Schießbahn unter dem hinteren Drehgestell aus einer Pivotlafette unter dem Geschütz.

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Die Munition wurde hier durch eine Einschienen-Hängebahn unter der Decke der Heckverkleidung an den Verschluss gezogen und auf den Ladeteller gelegt. Die Granaten wogen 140 kg (Spreng) bis 146 kg (Panzerbrechend).

Ein Geschütz überlebte den Krieg als amerikanische Beute.

Daten:

Kaliber: 238 mm
Gesamtlänge des Waggons: 15,85 m
Gewicht der Waffe mit Schießgerüst: 103 t
Rohrlänge: 7140 mm
Drallrichtung: rechts
Verschluss: horizontaler Keil
Höhenrichtbereich: 0 – 45 °
Seitenrichtbereich: +- 2 ° in Fahrtrichtung, auf Schießgerüst 360 °
Munitionsart: Geschoss und Treibladungen getrennt
Geschossgewicht: 140 bis 146 kg (Spreng / Panzerbrechend)
Mündungsgeschwindigkeit: 640 m/s/ 780 m/s
Reichweite: 18,7 km bei 45 ° Schusswinkel


e) 24 cm SK L/40 "Theodor Karl"

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Ab Februar 1915 wurden die veralteten Vordreadnought-Schlachtschiffe der Kaiser Friedrich III-Klasse außer Dienst gestellt und entwaffnet. 26 der Hauptgeschütze dieser Schiffe wurden an die Armee übergeben. Vier Zwillingstürme wurden in Libau aufgestellt, ein weiterer an der Westfront. Je vier einzelne Geschütze bildeten die Küstenschutzbatterien „S/2“ auf Sylt und „Hamburg“ auf Norderney. Die restlichen 8 Geschütze wurden auf Bettungsschießgestelle gesetzt. Wie bei den 21 cm L/40 und L/45 Kanonen (siehe c)) befriedigte der langwierige Aufbau der Schießgestelle nicht. Daher wurde der Umbau von zunächst vier Geschützen zu Eisenbahngeschützen beschlossen.

Auch diese Waffe verwendete ein Gegengewicht. Allerdings war dieses kleiner und saß näher an der Kammer. Wie die 24 cm L/30 waren die Geschütze in der Lage, von Schießkurven aus zu feuern, allerdings nur mit einem Seitenrichtbereich von +- 2°. Daher wurde ein Bettungsschießgerüst geschaffen, welches der Waffe auf einer Pivotlafette einen Schussbereich von 360 ° erlaubte. Die Munitionszuführung erfolgte ebenfalls wie bei der „Theodor Otto“.

Der erste Einsatz der bodengestützen Geschütze erfolgte 1916 mit großem Erfolg bei der Offensive an der Somme. Daraufhin wurden weitere 8 Geschütze von der Armee übernommen und entsprechend umgerüstet. Wie viele davon zu Eisenbahngeschützen umgebaut wurden ist nicht bekannt. Es wurden jedoch vier dieser Eisenbahngeschütze nach der Kapitulation verschrottet und mindestens ein weiteres an Belgien übergeben. Das belgische Geschütz wurde nach dem Einmarsch 1940 von der Wehrmacht übernommen und an der französisch-spanischen Grenze postiert.

Daten :

Kaliber: 238 mm
Gesamtlänge des Waggons: 15,85 m
Gewicht der Waffe ohne Schießgerüst: 103,3 t
Gesamtlänge der Kanone: 9550 mm
Rohrlänge: 8866 mm
Gewicht der Kanone: 25,26 t
Drallrichtung: rechts
Kammervolumen: 72,2 dm³
Verschluss: horizontaler Keil
Höhenrichtbereich: 0 – 45 °
Seitenrichtbereich: +- 1,075 ° in Fahrtrichtung, auf Schießgerüst 360 °
Munitionsart: Geschoss und Treibladungen getrennt
Geschossgewicht: 140 bis 151 kg (Spreng / Panzerbrechend)
Treibladungsgewicht: 41,35 kg
Mündungsgeschwindigkeit: 690 m/s
Reichweite: 26 km bei 45 ° Schusswinkel


f) 28 cm K L/40 "Kurfürst

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Diese Geschütze waren ursprünglich die Hauptbewaffnung der Vordreadnought-Schlachtschiffe der Kurfürst Friedrich Wilhelm-Klasse. Nach deren Umbau zu Ausbildungsschiffen fielen mehrere der Geschütze weg. Davon wurden mehrere an die Armee übergeben, die sie zumeist in Küstenschutzbatterien verwendete. Sechs wurden jedoch zu Eisenbahngeschützen umgebaut. Dazu wurden sie auf Plattformwagen mit zwei fünfachsigen Drehgestellen verladen. Der Gewichtsausgleich für Verschluss und Kammer erfolgte hier über eine massive rechteckige Konstruktion um den Auflagepunkt des Rohres.

Wie die 24 cm Eisenbahngeschütze (siehe d) und e)) konnte das Geschütz von Schießkurven aus feuern mit einem Seitenrichtbereich von +- 2 °. Auch der Einsatz von einem Schießgerüst mit Pivotlafette war möglich. Die Munition bestand aus Geschoss, Vorladung und Hauptladung, letztere ohne Metallkartusche. Auch hier musste das Laden bei waagerechtem Rohr erfolgen. Die Munitionszuführung erfolgte ebenfalls mit einer Einschienen-Hängebahn an der Decke der Kampfraumabdeckung. Verschossen wurden Sprenggranaten (240 kg) und Sprenggranaten mit ballistischer Haube (284 kg).

Alle Eisenbahngeschütze überlebten den Krieg und wurden 1922 von der Alliierten Militär-Kontrollkommission zerstört.

Daten:

Kaliber: 283 mm
Gesamtlänge des Waggons: 21,61m
Gewicht der Waffe ohne Schießgerüst: 149 t
Gesamtlänge der Kanone: 11200 mm
Rohrlänge: 10401 mm
Gewicht der Kanone: 44000 kg
Drallrichtung: rechts
Kammervolumen: 142,9 dm³
Verschluss: horizontaler Keil
Höhenrichtbereich: 0 – 45 °
Seitenrichtbereich: +- 2 ° in Fahrtrichtung, auf Schießgerüst 360 °
Munitionsart: Geschoss und Treibladungen getrennt
Geschossgewicht: 240 – 284 kg (Spreng und Spreng mit Haube)
Treibladungsgewicht: 73 kg
Mündungsgeschwindigkeit: 690 – 715 m/s (Spreng mit Haube und Spreng)
Reichweite: 18,1 - 25,9 km bei 45° Schusswinkel (Spreng und Spreng mit Haube)


g) 28 cm SK L/40 "Bruno"

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Dieses Geschütz war die Hauptbewaffnung der Vordreadnought-Schlachtschiffe der Deutschland-und der Braunschweig-Klasse. Nach deren Herausnahme aus dem aktiven Dienst 1916 wurden 20 der Geschütze zu Eisenbahngeschützen umgebaut. Der Einsatz erfolgte vor allem zum Küstenschutz in Flandern als Teil der Marineartillerie. Lediglich zwei Geschütze wurden an die Armee abgegeben. Anders als bei den vorherigen Waffen wurde hier ein spezieller Plattformwaggon mit dreieckiger Seitenform geschaffen, der mit dem größeren Rücklauf fertig wurde. Das Schießgerüst bestand wiederum aus einer Pivotlafette mit Bettung, aber auch der Kampf aus Gleisbögen heraus war möglich.

Anders als bei der 28 cm K L/40 war nun wieder ein Gewicht über dem Rohr zum Gewichtsausgleich vorhanden. Die verwendete Munition war die gleiche. Durch eine kleinere Kammer bei gleicher Treibladung wurde ein höherer Arbeitsdruck erreicht. Zudem war die Kammer durch Verwendung von Metallkartuschen nun besser abgedichtet. Ergebnis war eine höhere Reichweite.

Von den 20 Geschützen überlebten elf den Krieg. Eine wurde von australischen Truppen vor Amiens erbeutet, vier Geschütze wurden bei Kriegsende nach den Niederlanden geschafft, wo die Besatzungen Asyl suchten, und sechs wurden nach Kriegsende zerstört. Die vier Geschütze in den Niederlanden wurde an Belgien abgegeben, wo sie 1940 von der Wehrmacht erbeutet wurden. Diese setzte sie als „28 cm kurze Bruno“ zunächst gegen französische Stellungen ein, wobei ein Geschütz durch Rohrkrepierer zerstört wurde. Die verbleibenden Geschütze verblieben zum Küstenschutz in Frankreich bis nach der Invasion 1944.

Daten:

Kaliber: 283 mm
Gesamtlänge des Waggons: 21,61m
Gewicht der Waffe ohne Schießgerüst: 149 t
Gesamtlänge der Kanone: 11200 mm
Rohrlänge: 10401 mm
Gewicht der Kanone: 45300 kg
Drallrichtung: rechts
Kammervolumen: 12,3 dm³
Verschluss: horizontaler Keil
Höhenrichtbereich: 0 – 45 °
Seitenrichtbereich: +- 1,075 ° in Fahrtrichtung, auf Schießgerüst 360 °
Munitionsart: Geschoss und Treibladungen getrennt
Geschossgewicht: 240 – 284 kg (Spreng und Spreng mit Haube)
Treibladungsgewicht: 73 kg
Mündungsgeschwindigkeit: 740 – 785 m/s (Spreng mit Haube und Spreng)
Reichweite: 20,5 - 27,75 km bei 45° Schusswinkel (Spreng und Spreng mit Haube)


h) 38 cm SK L/45 "Max"

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Aufgrund der Verzögerung des Baus der Schlachtschiffe Württemberg und Sachsen (Bayern-Klasse) wurden 1914 acht der bereits fertig gestellten Geschütze umgerüstet für einen Einsatz an der Westfront. Diese waren zunächst als bodengestütze Waffen auf einem massiven Schießgestell mit Betonelementen im Einsatz. Der Aufbau dauerte einige Wochen. Dies wurde als nicht akzeptabel eingestuft, so dass einige der Kanonen auf spezielle Eisenbahwaggons mit je zwei vier- und zwei fünfachsigen Drehgestellen verladen wurden. Alle Geschütze wurden von Marinepersonal bedient.

Das Feuern war grundsätzlich aus Schießkurven heraus möglich. Allerdings war dabei der mögliche Rohrrücklauf begrenzt, was die mögliche Rohrerhöhung und damit wiederum die Reichweite deutlich reduzierte. Um die maximale Reichweite von 47,5 km zu erreichen, musste eine Drehscheibe errichtet werden, auf dem der ganze Waggon gedreht werden konnte. Die Drehung erfolgte über einen zentralen Pivot im Schwerpunkt. Im Bereich des Rohrrücklaufs wurde der Boden ausgehoben und zunächst durch Betonausbau, ab 1918 durch Stahlelemente abgestützt. Letzteres machte aufwendige Betonkonstruktionen unnötig und beschleunigte das Instellunggehen erheblich von ca. 6 auf 3 Wochen. Die Munition wurde auf einen Schmalspurschienensystem zur und um die Bettung zur Kanone gebracht.

Als Munition waren Sprenggeschosse mit und ohne Haube sowie ein Sprenggeschoss mit geringerem Gewicht und Haube sowie ein Splittergeschoss vorhanden. Die Treibladung war wiederum zweigeteilt in eine Vorladung von 118 kg und eine Hauptladung von 87 kg, die in einer Metallkartusche mit 63,5 kg Gewicht steckte. Spreng- und Splittergranate wogen je 750 kg, die Sprenggranate mit Haube 743 kg und die leichte Sprenggranate mit Haube 400 kg. Mit dieser Munition wurden Reichweiten von 22,6 km bis 47,5 km erreicht. Allein zur Handhabung der Munition am Geschütz wurden mindestens zwölf Mann benötigt. Granaten und Kartuschen wurden hinten unter das Geschütz gefahren. Durch eine Klappe im Boden des Kampfraumes wurden sie dann mittels eines Schwerlastkrans auf dem Ladewagen verladen und an den Verschluss herangefahren. Dies alles benötigte Zeit, so dass die mittlere Schussgeschwindigkeit bei einem Schuss je sieben Minuten lag. Bei Dauerfeuer erhöhte sich diese Rate auf einen Schuss in acht Minuten.

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Der erste Einsatz erfolgte zum Auftakt der Schlacht um Verdun 1916 mit zwei beteiligten, bodengestützten Geschützen. 1918 wurde ein Geschütz auf Eisenbahnlafette an die Armee abgegeben. Eine Kanone wurde bei Ostende fest eingebaut zum Küstenschutz. Bei Kriegsende wurde diese Kanone abgebaut und in Eisenbahnwaggons verladen. Belgische Truppen fanden diesen Zug verlassen in Brüssel und übernahmen das Geschütz zum Küstenschutz. 1924 wurde es an Frankreich verkauft, wo es bei Tests aufgebraucht wurde. Die Wehrmacht erbeutete sie 1940, übernahm sie aber nicht. Sieben weitere der Geschütze waren nach Deutschland zurückgezogen und an den Küsten stationiert worden. Diese wurden von der Interalliierten Kontrollkommission bis 1922 verschrottet.

Daten:

Kaliber: 283 mm
Gesamtlänge des Waggons: 21,61m
Gewicht der Waffe mit Schießgerüst: 267,9 t
Gesamtlänge der Kanone: 17100 mm
Rohrlänge: 16112 mm
Länge des gezogenen Teils: 13816 m
Gewicht der Kanone: 80.000 kg
Züge: 100, 3 mm tief, 6 mm breit
Drallrichtung: rechts
Kammervolumen: 270 dm³
Verschluss: horizontaler Keil
Höhenrichtbereich: 0 ° – 18,5 ° bei Beschuss aus Schießkurven, 0° - + 55 ° beim Schieben vom Schießgerüst
Seitenrichtbereich: +- 1 ° in Fahrtrichtung, auf Schießgerüst 360 °
Munitionsart: Geschoss und Treibladungen getrennt
Geschossgewicht: Spreng und Splitter 750 kg, Spreng mit Haube 743 kg, leichte Spreng mit Haube 400 kg
Treibladungsgewicht: 205 kg
Mündungsgeschwindigkeit: 800 m/s Spreng mit Haube und Spreng, 1040 m/s leichte Spreng mit Haube
Reichweite: 22,6 km Splitter, 34,2 km Spreng, 38,7 km Spreng mit Haube, 47,5 km leichte Spreng mit Haube


i) Paris-Geschütz
canparis7.jpg
canparis7.jpg (16.12 KiB) 2423 mal betrachtet
Für dieses Geschütz wurden sieben ausgeschossene Rohre der 38 cm SK L/45 mit einem Seelenrohr mit 211 mm Innendurchmesser versehen. Dies machte eine Verlängerung der ursprünglichen Rohre um knapp 4 Meter erforderlich, um das Seelenrohr entsprechen zu stützen und zu schützen. Zudem wurde ein zwölf Meter langes, sich nach vorn leicht verjüngendes Rohrstück an der Mündung platziert, um den Flug direkt nach Abschuss für einen längeren Zeitraum stabilisieren zu können. Ein zusätzliches Stahlgerüst stabilisierte das insgesamt 34 m lange Rohr, so dass es sich nicht allein aufgrund der Länge verbiegen konnte. Zudem reduzierte dies die Vibrationen beim Abschuss.

Das Geschütz verschoss ausschließlich Sprenggeschosse mit ballistischer Haube und einem Gewicht von nur 106 kg. Der Geschosskörper bestand aus einer dicken Metallwand und hatte einen Außendurchmesser mit Führungsringen von 216 mm. Der Innenraum der Granate bot nur Platz für 7 kg TNT, was die Schusswirkung eher gering ausfallen lies. Mit jedem Schuss wurde ein winziger Teil der Geschossaußenwand durch die Reibung abgetragen. Gleiches gilt für das Seelenrohr, welches durch die Reibung mit jedem Schuss etwas weiter wurde. So mussten mit jedem Schuss etwas größere Granaten verschossen werden. Die Änderung war während der Testphase ausgemessen worden, so dass sehr exakte Granaten gefertigt werden konnten. Zusätzlich wurde jede Treibladung nach dem Einlegen in die Kammer überprüft und gegebenenfalls Pulver nachgeladen, falls die Menge nicht ausreichte. So konnten Reichweitenvariationen weitestgehend ausgemerzt werden. Nachdem Abschuss erreichte die Granate eine Mündungsgeschwindigkeit von 1640 m/s und eine maximale Flughöhe von 42 km. In dieser Höhe spielte der Luftwiderstand eine nur noch geringe Rolle, was wiederum die Reichweite steigerte. Diese lag bei 130 km. Nach 65 Schuss war ein Seelenrohr aufgebraucht und wurde zur Firma Krupp transportiert, wo es auf 238 mm aufgebohrt wurde. So konnten damit weitere Granaten, diesmal mit größerem Kaliber, verschossen werden.

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Drehgestell der Paris-Kanone, erbeutet von US-Truppen

Die Lafette wurde schließlich auf einen Eisenbahnwaggon mit 34 m Länge verladen. Für den Einsatz musste eine massive Bettung wie bei der 38 cm SK L/45 "Max" gefertigt werden. Dies dauerte wieder Wochen. Wiederum wurde ein Drehgestell mit Schmalspurbahn für die Munitionswagen verwendet. Ein Schießen aus Schießkurven heraus war nicht vorgesehen, da die nötige Rohrerhöhung beim Rückstoß ein Aufschlagen des Verschlusses auf dem Gleisbett und damit die Beschädigung oder Zerstörung der Kanone bedeutet hätte.

Von März bis August 1918 wurden über 350 Granaten auf Paris verschossen, von denen 303 das Stadtgebiet trafen. Diese töteten 250 Menschen und verletzten weitere 620. Mit dem Vorrücken der Front im August wurde das Geschütz abgebaut und nach Deutschland zurückverlegt. Dort wurde es bei Kriegsende mit den meisten Plänen zerstört.

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Waffe während des Aufbaus mit großem Portalkran

Daten:

Kaliber: 211 mm, später 238 mm
Gesamtlänge des Waggons: 34,61m
Gewicht der Waffe mit Schießgerüst: 256 t
Gesamtlänge der Kanone: 34000 mm
Rohrlänge: 32112 mm
Drallrichtung: rechts
Verschluss: horizontaler Keil
Höhenrichtbereich: 0 ° – 55 °
Seitenrichtbereich: 360 °
Munitionsart: Geschoss und Treibladungen getrennt
Geschossgewicht: Spreng 106 kg
Mündungsgeschwindigkeit: 1640 m/s
Reichweite 130 km
Schussrate: etwa 20/Tag


Quellen:
https://en.wikipedia.org/wiki/Category: ... of_Germany und die dort verlinkten Einzelseiten
www.navweaps.com/

Gruß

tom ;)
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